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Françoise / Belgien

Arbeitsberater

Françoise empfängt mich in seinem Haus in der Nähe von Braine-le-Comte. Sein Haus ist wie er. Es ist einfach, es ist schön, voller Leben und Überraschungen. Nach dreißig Jahren ohne Treff, haben wir die Möglichkeit, unsere jeweiligen Leben zu diskutieren.

Ich bin Françoise sehr dankbar, dass sie für dieses Interview so offen war, für seine Leidenschaften und Zweifel geteilt zu haben. Ich danke sie auch für den Schmerz von den Dingen die wir nicht ändern können, so weich ausgedrückt zu haben.

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Nenne mir drei Dinge, die dir uber deinen Vater oder jemand anderen einfallen

Die Auswahl ist ziemlich schwierig: mein Vater, meine Kinder, mein Ehemann.

Wenn ich drei Dinge über meinen Vater nenne sollte, dann würde sicherlich dazu zählen, dass ich ihn während meiner Kindheit kaum kannte, weil er sehr lange arbeitete. Er ging morgens um 6 Uhr aus dem Haus und kam erst spät abends zurück. Ich lernte ihn erst besser kennen, als ich mit 18 auszog und nur noch an den Wochenenden nach Hause kam. Mein Vater war jemand, der immer ein offenes Ohr für mich hatte. Wenn ich Sorgen hatte, konnte ich mit ihm immer über meine Probleme sprechen, über meine Schwierigkeiten mit dem katholischen Glauben. Er war immer für Gespräche offen, was in dieser Hinsicht schon mal nicht schlecht war.

Ich finde, dass mein Vater sich immer sehr stark in mein Leben eingemischt hat. Ich hatte meine Küche gerade eingerichtet, als eines Tages mein Vater kam und alles umstellte, und das hat mich sehr gestört. Er war der Meinung, er hätte mir etwas Gutes getan, weil er es so schöner fand, aber ich sagte ihm: „Ich würde meine Möbel gerne selber aussuchen“. Also, ja, er war anfangs etwas aufdringlich, aber ich habe das klargestellt und ihm gesagt: „Hör mal, das ist mein Haus. Ich hätte gerne tolle aber einfache Möbel. Ich mag keine komplizierten Dinge“. Er verstand es und war danach nicht mehr so übergriffig. Er hat sich daran gewöhnt.

Er ist eine sehr großzügige Person. Er engagiert sich für einen gemeinnützigen Verein in Braine-le-Comte, dessen Ziel es ist, Kleidung, Spielzeug und andere Dinge für Menschen zu sammeln, die sich in Schwierigkeiten befinden. Und das finde ich einfach toll. Er tut sehr viel für einen Rentner. Das ist etwas, das ich an ihm schätze.

Wer hat sich um dich gekummert, als du klein warst ?

Ah. Mein Großvater. Mein Opa, der hier auf dem Foto zu sehen ist. Er war der Vater meiner Mutter und hat bei uns im Haus gelebt. Da meine Mutter querschnittsgelähmt war, konnte sie sich nicht um mich kümmern, als ich noch ein Kind war. Ich spreche von der Zeit, als ich mit 7 1⁄2 Jahren wieder zu meinen Eltern kam. Mein Opa war super. Er hat mir sehr viel beigebracht. Eigentlich war er Gärtner. Er hat mir die Namen von Bäumen, Blumen und Vögeln beigebracht. Ich bin oft mit ihm spazieren gegangen und Rad gefahren. Er hat mir sehr viel beigebracht. Er hat enorm viel gelesen und sich auch für viele Dinge interessiert. Er las Bücher über Wissenschaft, Geschichtsbücher... und ja, ich habe viel mit ihm gelernt. Er war ein gutmütiger Mensch. Ich habe ihn selten wütend erlebt. Er war sehr friedfertig, ruhig und hatte viel Geduld.

 

Ich war kein besonders wildes Kind. Ich war eher ruhig und gehorsam. Ich hatte viel Kontakt mit ihm, und als er in Altersheim kam, als Mama starb, habe ich ihn mit David, der damals noch klein war, jedes Wochenende besucht. Er war unglaublich, jede Woche hat er uns ein Glas Honig und einen Bund Bananen gegeben. Honig haben wir in rauen Mengen von ihm bekommen. Ja, so war mein Großvater. Er war einfach großartig und hat sich viel um mich gekümmert. Wie ich dir schon erzählt habe, ging mein Vater morgens, als ich aufstand, aus dem Haus und kam erst nach Hause, als ich schon im Bett lag, also habe ich nicht wirklich viel Zeit mit ihm verbracht. Meine Mutter hat sich um mich gekümmert, allerdings eher in Bezug auf solche Sachen wie Multiplikationstabellen. Es ging da mehr um Schulkram.

Mit 7 Jahren verbrachte ich zwei Monate in Quarantäne. Ich war meiner Mutter sehr nahe. Davor war ich bei meiner Tante und Großmutter. Ich habe keine guten Erinnerungen an meine Tante. Sie war ein sehr nervöser Mensch mit einem sehr strengen Erziehungsstil. Meistens war es meine kleine Schwester, die Dummheiten angestellt hatte, aber sie machte keinen Unterschied zwischen uns. Wir mussten uns alle auf die Couch setzen und haben jede drei Ohrfeigen bekommen. Ich verstand nicht, warum ich bestraft werden sollte, wenn ich nichts falsch gemacht hatte. Ich hatte auch sehr lange Haare und es war eine Tortur, sie morgens zu kämmen. Sie zog immer zu fest daran. Obwohl ich eigentlich ein sehr ruhiger Mensch bin, hatte ich wirklich Schwierigkeiten damit.

 

Ich hatte ein gesundheitliches Problem. Ich hatte ja meine Hepatitis und bereits damals Schmerzen. Sie sagte meiner Mutter „Ich glaube, dass sie nur Grimassen macht“. Ich wurde also nicht behandelt, bevor ich zu meinen Eltern zurückkam, was problematisch war, insbesondere weil meine Leber zu der Zeit schon in einem wirklich schlechten Zustand war. Ich habe keine guten Erinnerungen an meine Kindheit bei meiner Tante. Zum Glück konnte ich später zu meinen Eltern zurückkehren. Allerdings hatte es eine Beratung zwischen meinem Vormund und meiner Familie gegeben und die Familie war nicht einverstanden, dass ich in den elterlichen Haushalt zurückkehre. Sie waren der Meinung, dass ich nicht selbst auf mich aufpassen könne und meine Mutter konnte sich auch nicht um mich kümmern. Aber zum Glück hat sich mein Vater für mich eingesetzt. Er bestand darauf, und sagte: „Sie ist ihre Tochter. Sie hat ein Recht darauf, bei ihr zu sein.“ Und so kam ich dann doch zu meinen Eltern zurück.

Kannst du dich an einen Moment erinnern, als du dich in den Augen von jemand anderem als besonders gefühlt hast ?

Als Kind? Einmal erlitt mein Großvater im Bad eine Gasvergiftung durch den Gasboiler. Ich muss etwa acht Jahre alt gewesen sein. Ich hörte einen lauten Knall. Mir war klar, dass es ein Problem gegeben haben muss und dann roch ich das Gas. Ich rief die 112 an und sagte, dass mein Großvater im Badezimmer wäre und es nach Gas rieche. Alle kamen angerückt: der Notarzt, die Feuerwehr. Mein Opa war sehr dankbar, denn wenn ich nicht da gewesen wäre, wäre er vielleicht... ich weiß nicht... es hätte böse ausgehen können. Vor allem, da die damalige Putzfrau einfach einen Backstein durchs Fenster werfen wollte! Einen Backstein an den Kopf zu kriegen, ist glaube ich keine so gute Idee.

Abgesehen von ihm hat sich auch meine Mutter immer viel um mich gekümmert. Auf jeden Fall. Als ich zur Uni ging und Klausuren hatte, war sie genau so gestresst wie ich. Als ich noch in der Schule war, war es ähnlich. Immer wenn ich eine Klassenarbeit hatte, machte sie sich meinetwegen Stress. Sie hat mir also durchaus in Bezug auf meine Studienleistungen viel Aufmerksamkeit geschenkt.

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Wer hat dir beim Erwachsenwerden geholfen ?

Also, ich glaube...mein Opa, der Vater meiner Mutter. Mein Großvater war überhaupt nicht gläubig. Er hat schon früh mit mir über den Vatikan gesprochen. Er fand es skandalös, dass der Vatikan einer der reichsten Staaten der Welt ist. Ich teilte viele seiner Ansichten in dieser Hinsicht. Auch meine Mutter half mir beim Erwachsenwerden. Sie war sehr streng mit mir, aber ich glaube dass ich ihr dafür dankbar sein kann, weil ich durch ihre Erziehung besser mit Beziehungen und meinem Studium umgehen konnte.

 

Ich habe oft gemotzt, weil oft Freunde kamen um mit mir zu spielen, aber ich erst noch meine Schularbeiten zu Ende machen musste und danach meiner Mutter mit einigen Sachen im Haushalt helfen musste, die sie selbst nicht erledigen konnte. Irgendwie war ich damals wirklich... Ich beschwerte mich zwar, aber jetzt sage ich mir, dass sie zu Recht so streng war. So bin ich geworden, wer ich bin. Ein zuverlässiger, respektvoller Mensch. Meine Mutter hat wie ich auch immer die Natur respektiert. Mein Großvater ebenfalls. Ich vesuche es, mit meinen Kindern genauso zu halten. Das ist mir sehr wichtig. Ich finde es schlimm. Wir haben keinen anderen Planeten, also wäre es eine Schande, wenn wir uns um den, den wir haben, nicht kümmern.

Wann wurdest du erwachsen? In welchen Situationen wärest du gerne wieder ein Kind?

Also, ich glaube, ich wurde erwachsen... Ein Teil von mir ist immer noch Kind. Ich hätte eigentlich immer Lust, wieder ein Kind zu sein. Wenn ich Spielzeug für meine Kinder gekauft habe, dann habe ich meistens auch eine Kleinigkeit für mich gekauft. Mein Mann hat einmal gesagt: „Das gibt’s doch nicht. Ich habe drei Kinder im Haus!“. Außerdem liebe ich es, zu spielen. Ich spiele gerne Verstecken; ich erzähle gerne Geschichten und albere auch gerne herum. Wenn irgendwo eine große Pfütze ist, springe ich hinein. Solche Sachen. Ich weiß, wie ich mich wie eine Erwachsene benehme, doch ein Teil von mir ist immer noch Kind.

Fühlst du dich in deiner Rolle als Erwachsene nicht eingeschränkt?

Nicht wirklich. Die Jungs sind da nicht sehr streng mit mir. Der Große vielleicht ein bisschen, weil er gerade in der Pubertät ist. Ich erinnere mich, als wir einmal nach Brüssel gefahren sind und mit Nicolas aus dem Bahnhof rannten, weil es da schön steil bergab ging. Daraufhin sagte David: „Mama, du blamierst mich total. Alle starren uns an.“ Ich antwortete ihm: „Ist mir völlig egal. Die Leute können ruhig gucken. Ich habe Lust, zu rennen und Spaß zu haben.“ Also er findet manchmal, dass mein Verhalten für eine Mutter nicht unbedingt angemessen ist. Nicolas hingegen stört es nicht. Einmal habe ich einfach angefangen, in der Küche loszutanzen, während ich gerade den Abwasch erledigte und dabei Radio hörte. David und Nicolas haben mich mit dem Handy durch das Fenster gefilmt und gesagt: „Das werden wir auf Facebook stellen. Mama tanzt in der Küche“. Also ja, ich benehme mich schon noch manchmal wie ein Teenager oder Kind, das ist mir egal.

„Du blödelst gerne herum, aber nicht in der Öffentlichkeit.“ Mit der Aussage habe ich kein Problem. Natürlich würde ich mich nicht auf der Arbeit so verhalten, aber ab und zu spinne ich hier ein bisschen herum, und das tut mir gut.

Wenn du die Wahl zwischen Selbstständigkeit hast, und dass sich jemand um dich kümmert, was würdest du vorziehen?

Selbstständigkeit. Absolut. Ich war schon sehr früh in meinem Leben selbstständig im Vergleich zu anderen Kindern, da ich aufgrund meiner besonderen familiären Situation einfach schon früh gezwungen war, selbstständig zu sein. Ich musste morgens alleine aufstehen, den Bus nehmen, meine Hausaufgaben machen und so weiter. Auch heute ist es noch so: Wenn ich etwas alleine machen kann, mache ich es auch. Wenn ich es nicht schaffe, bitte ich um Hilfe, aber das kommt nur selten vor, da ich lieber alleine zurechtkomme. Eindeutig.

Was macht dich zu einem schönen Menschen?

Ich glaube, dass ich ein großzügiger Mensch bin. Das sagen zumindest andere über mich. Meine Kinder und mein Mann auch. Ich mache anderen gerne kleine Aufmerksamkeiten. Wenn ich etwas sehe, das jemanden interessieren könnte, dann bringe ich es ihm oder ihr mit.

Das ist eine meiner guten Eigenschaften, die Großzügigkeit. Ich bin gerne großzügig mit meiner Familie, meinen Freunden, Menschen, die ich kenne, oder auch Leuten auf der Straße, die mich um eine Zigarette bitten oder sagen, dass sie Hunger haben oder so etwas. Ich glaube, dass mich das zu einem schönen Menschen macht.

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Ich habe dich gefragt, ob es drei Dinge gibt, die deine Personlichkeit widerspiegeln.

Ich musste das einmal für eine Weiterbildung machen, an der ich teilgenommen habe. Ich sollte drei Gegenstände finden, in denen ich mich wiederfinde. Einer der Gegenstände war ein Seil, weil ich oft geklettert bin. Ich liebe die Berge. Das Seil passte auch, weil ich immer versuche, meine Ziele zu erreichen. Ich bin sehr ausdauernd. Wenn ich nicht sofort Erfolg habe, versuche ich es noch einmal. In dem Sinne ist das Seil repräsentativ für mich.

Ich bin niemand, der sehr viel Wert auf Dinge wie Schmuck legt. Ich habe aber eine Kiste mit Steinen. Steine, die ich auf meinen Reisen durch die Welt gesammelt habe. Es gibt wirklich ein paar schöne Exemplare, die ich mir gerne ansehe.

Parfum generell. Das Parfum, das ich trage, Weihrauch. Duftkerzen. Das ist auch typisch für mich.

Ich mache mir nicht sehr viel aus Schmuck, Smartphones etc. Mein Mann hat mir das hier gekauft (das Telefon). Vorher hatte ich nur ein altes Handy.

Vielleicht würde ich auch die Kamera nehmen, auch wenn ich zur Zeit nicht mehr viele Fotos mache. Aber auf meinen Reisen habe ich viel fotografiert. Für mich ist das auch eine Möglichkeit, Erinnerungen zu bewahren. Ich schaue sie mir ab und zu an... schicke sie den Leuten in Indien, von denen ich die Bilder gemacht habe. Das ist ein Gegenstand, den ich oft in meinem Leben benutzt habe. Auch als die Kinder klein waren, habe ich viele Fotos gemacht.

Außerdem ein Heft, in dem ich alle lustigen Geschichten aufgeschrieben habe, die mir die Jungs so erzählt haben. Ich habe für jeden ein eigenes Heft gemacht und eines Tages gesagt: „Hier, die sind für euch. Das sind all eure Faxen und der Unsinn drin, den ihr so erzählt habt, all die lustigen Sachen.“

Eine Möglichkeit, Erinnerungen festzuhalten und zu teilen?

Sie haben viel gelacht, als sie ihre kleinen Hefte gelesen haben, weil der Inhalt einfach so komisch war.

Ein weiterer Gegenstand, den ich allerdings schon lange nicht mehr benutzt habe, ist mein Sketchbook. Da sind meine Zeichnungen drin, ein paar habe ich schon gemacht. Ich fange gerade erst an, aber ich versuche... ich male Tiere. Das hier ist noch nicht fertig. Es ist ein Drache. Ich mag alles Fantasy-mäßige. Den habe ich für Nicolas gemalt. Das ist ein Charakter aus einem Spiel. Ich versuche, zu zeichnen, um mich zu entspannen. Etwas Neues zu machen. Ich wusste vorher nichts über das Zeichnen. Ich fing damit an, als ich mein Burnout hatte und keine Energie für irgendwelche anderen Dinge hatte. Ich habe mir fest vorgenommen, weiterzumachen. Ich will weitermachen, weil es mir Spaß macht. Ich mag es, zu zeichnen und vielleicht auch mal zu malen. Mein Vater malt und hat zu mir gesagt: „Wenn du jemals dazu Lust hast, melde ich dich für einen meiner Kurse an.“

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Was fallt dir schwer, wenn du morgens aufstehst?

Das Klingeln des Weckers. Das finde ich ziemlich unangenehm. Allgemein schlafe ich morgens besser. Abends fällt es mir oft schwer, einzuschlafen. Abgesehen davon, nichts. Wenn ich einmal aufgestanden bin, geht es. Dann habe ich das Schlimmste schon hinter mir und mit dem Rest werde ich auch fertig. Es ist vor allem das Wachwerden. Das Klingeln des Weckers kann ich wirklich nicht leiden.

Was bringt dich im Alltag zum Lacheln?

Tiere. Ich mag Katzen. Manchmal haben sie diese überschüssige Energie, die sie abbauen, indem sie irgendwelchen Quatsch im Haus anstellen. Meine Kinder. Manchmal bringen sie mich zum Lächeln. Die Leute, die ich auf der Arbeit treffe. Bei der Fahrt dorthin schaue ich mir gerne die Landschaft an. Wenn ich einen strahlend blauen Himmel sehe, halte ich an, um ihn zu fotografieren.

Wann war das letzte Mal, das du die Welt gerettet hast?

Uff ! Es ist nicht unbedingt mein Ziel, die Welt zu retten, aber ich und mein Mann sagen manchmal, dass wir eine Revolution anzetteln würden oder versuchen, wirklich etwas zu verändern, wenn wir noch einmal 25 wären.

Einen Moment, in dem du den Eindruck hattest, etwas wirklich Gutes zu tun ?

Vor zwei Jahren führte ich eine Umfrage zum Thema Rechtschreibung durch. Ich war schockiert, als ich sah, dass bei meinen Kindern in der Schule die Rechtschreibung einfach... bei Klassenarbeiten wurden Rechtschreibfehler einfach ignoriert. Als Mutter fand ich es unglaublich, dass ich Rechtschreibfehler selbst markieren und meine Kinder bitten musste, sie zu korrigieren.

Also veranstaltete ich eine Umfrage an der Schule und im Bereich der höheren Bildung und veröffentlichte einen Artikel in einer Zeitschrift der lFAPEO (belgische Elternvereinigung). Ich habe Politiker kennengelernt. Meinen Artikel habe ich einigen von ihnen geschickt. Einige haben auch geantwortet, darunter Charles Michels, Didier Reynders. Ich habe mir gesagt: „Das mache ich für mich. Wenn ich es nicht täte, hätte ich ein schlechtes Gewissen“. Mir ist natürlich klar, dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Vielleicht wird es keine politischen Folgen haben. Aber ich habe es getan, weil ich es als Mutter für richtig hielt und bin stolz darauf.

Ich bereue nicht, es getan zu haben, obwohl es mich viel Zeit gekostet hat die Fragebögen zu verschicken, auszuwerten, den Artikel zu verfassen. Aber es war etwas, das mir am Herzen lag, weil ich der Meinung war, dass das ein riesiger Unterschied zu unserer Schulzeit ist... Ich weiß nicht, ob du dich noch erinnerst, aber bei uns hieß es in den Geisteswissenschaften, egal in welchem Fach, wer fünf Fehler hatte, war durchgefallen. Ich sage ja nicht, dass man Rechtschreibfehler bestrafen sollte, aber zumindest sollte man das Kind darauf hinweisen und es sie korrigieren lassen. Aber selbst das wird heutzutage überhaupt nicht mehr gemacht.

Da ich beim Arbeitsamt arbeite, habe ich viel Kontakt zu Arbeitgebern. Bei Stellen im administrativen Bereich, als Sekretär oder Sekretärin oder generell in der Verwaltung ist das Wichtigste immer die Rechtschreibung. Aber unser Bildungssystem verkennt das... man bereitet die Kinder nicht darauf vor, eigenständig zu werden. Man bereitet sie nicht auf die Anforderungen der Arbeitswelt vor.

Ich frage mich, ob das nicht vielleicht von der Politik so gewollt ist. Man macht aus diesen Kindern Hilfsempfänger. Wenn sie Arbeit suchen, wissen sie nicht, wie man einen Lebenslauf schreibt. Sie machen Fehler beim Lebenslauf. Daran muss auf jeden Fall gearbeitet werden. Diejenigen, die nicht zu uns kommen, werden sich wirklich anstrengen müssen, einen Job zu finden.

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Wer kümmert sich um dich ?

Auf jeden Fall mein Mann. Ich gehöre zu denjenigen, die nicht sofort zum Arzt gehen, wenn sie krank sind. Letztes Mal sagte er zu mir: „Nein, du gehst heute nicht zur Arbeit, sondern zum Doktor“.

Auch die Kinder. Manchmal habe ich den Blues oder fühle mich einfach nicht so gut. Dann kriege ich von ihnen Küsschen und Zärtlichkeiten. „Das wird schon wieder, Mama. Mach dir keine Sorgen“. Das ist meine Familie. Meine Freunde auch. Ich habe Freunde, mit denen ich schon öfters über bestimmte Probleme gesprochen habe und die sehr offen für das waren, was ich ihnen erzählt habe. Also, ich glaube es gibt einige Menschen, die sich um mich kümmern.

Um wen kümmerst du dich ?

Ich würde sagen, um meine Familie. Meinen Mann, meine Kinder, die Tiere, den Hund, die Katzen, die Hühner. Auch um Freunde, egal, ob ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe. Neulich rief mich eine Freundin an und sagte: „Françoise, ich würde gerne mal mit dir reden“. Ich sagte: „Komm vorbei, ich habe morgen Zeit.“ Diese Freundin rief mich an, weil sie einen Burnout hatte und wusste, dass ich dasselbe durchgemacht habe. Sie wollte wissen, wie ich damit umgegangen bin. Wie es war. Ich habe ihr zugehört und Ratschläge gegeben.

Um meinen Vater, wenn er Hilfe braucht. Als er im Krankenhaus war, habe ich ihn besucht. Bei meinem Großvater war es ähnlich. Ich habe seine Wäsche gewaschen, als er im Altersheim war. Ich kümmere mich um die Leute um mich herum. Auch um die Umwelt. Wenn wir spazieren gehen, nehme ich eine Tüte mit und sammle alle Dosen ein, die wir unterwegs sehen. So versuchen wir auf unsere Weise einen Beitrag zum Naturschutz zu leisten. Es ist vielleicht nicht viel, aber ich sage mir immer, wenn jeder das machen würde...

Was macht dich glücklich, wenn du etwas für jemanden tust?

Ein Lächeln. Wenn jemand mein Büro verlässt und sagt: „Danke. Danke für Ihre Ratschläge.“ Das reicht schon. Die Anerkennung, die ich auf der Arbeit bekomme, ist das Lächeln der Menschen. Wenn jemand mit einer positiven Einstellung aus einer Beratung herausgeht. Neulich kam jemand, der komplett demotiviert war und mir sagte, dass er keine Arbeit mehr finden würde, weil er schon 53 ist. Ich habe versucht, ihm zu erklären, zu zeigen, mit ihm über andere zu sprechen, die in seinem Alter noch eine Arbeitsstelle gefunden haben und dass er Unrecht hat. Das sind die Leute, denen ich helfe. Natürlich auch meine Kinder. Ich weiß nicht, wie oft Nico seine Sporttasche schon vergessen hat. Da ich eine aufmerksame Mutter bin, bringe ich ihm seine Tasche dann in die Schule. Und er sagt dann: „Danke Mama, das ist echt super.“ Das macht mir Freude.

 

Was macht dich traurig?

 

Die Nachrichten zu schauen. Diese Welt zu sehen... die ganzen Konflikte und Anschläge. Und mir bewusst zu werden, dass meine Kinder in einer solchen Welt aufwachsen. Das macht mich traurig, denn ich hatte das Glück, eine sorglose Kindheit auf dem Land zu verbringen, in relativer Sicherheit im Vergleich zu heute.

Letztens war ich im Stress, weil Nicolas seinen Bus verpasst hatte, als ich auf der Arbeit war und ich nicht nach Hause kommen konnte. Während meiner Beratungsgespräche hatte ich mein Smartphone die ganze Zeit auf den Knien. Ich habe ihm gesagt: „Ich bin bei dir“. Er ist fünf Kilometer alleine zu Fuß gelaufen. Ich habe mir natürlich Sorgen gemacht. Es war kein gutes Gefühl, zu wissen, dass er alleine auf der Landstraße unterwegs war. Auch heute noch verschwinden Kinder. Es macht mich traurig, mir um diese Art von Problem Gedanken machen zu müssen.

Was mich ebenfalls traurig macht, ist wie achtlos die Menschen mit der Natur um sie herum umgehen. Vor einiger Zeit haben wir einen Ausflug aufs Land gemacht. Wir haben 73 Dosen aller möglichen Getränke eingesammelt. Ich habe mir dabei gedacht: „Ok, wir machen das jetzt. Aber in einer Woche sind es wieder genauso viele Dosen.“ Das macht mich traurig. Ziemlich sogar.

Außerdem macht es mich traurig, dass wir hier in Belgien in Sachen Ökologie kaum Fortschritte machen. Ich rede von Lebensmittelverpackungen. In Deutschland gibt es hauptsächlich Glasflaschen. Hier in Belgien haben wir Plastikflaschen. Deos haben in Deutschland keine Gassprüher.

Früher gab es in den Geschäften Papiertüten, um seine Einkäufe einzupacken. Die sieht man heute nicht mehr. Früher war Zucker in einer Papierverpackung, heute ist die Verpackung aus Plastik. Auf dem Gebiet gibt es überhaupt keinen Fortschritt. Es gibt spezielle Geschäfte, in denen man Produkte ohne Verpackung kaufen kann. Man bringt seine eigene Tupperware mit, wenn man Joghurt kauft. Leute, die wirklich aufmerksam mit der Umwelt umgehen, sind immer noch eine absolute Randerscheinung. Wenn ich zum Beispiel ein Brot kaufe, das in Papier eingepackt ist, hebe ich die Verpackung auf, um darin beispielsweise Äpfel einzupacken, die ich jemandem gebe. Ich versuche also, auf Plastikverpackungen weitgehend zu verzichten, aber es ist nicht immer einfach. Man versucht sein Bestes, aber auf Seiten der Produzenten sehe ich keine wirklichen Bemühungen dahingehend.

Ich habe ein Buch mit dem Titel „Eating animals“ gelesen, das mich ebenfalls traurig gemacht hat. Es geht um die Anfänge des „factory farming“ in den USA und wie diese ganzen riesigen Tierzuchtbetriebe entstanden sind. Nachdem man das Buch gelesen hat, hat man keine Lust mehr, Tiere zu essen. Ich habe einen Cousin, der Rinder der Rasse „Blanc-Bleu-Belge (BBB)“ züchtet. Er sperrt die Kälber in kleine Absperrungen aus Holz. Diese Kälber verbringen acht Monate ihres Lebens in einer Kiste und werden mit Körnern ernährt. Und mit achten Monaten werden sie ihres Fleisches wegen umgebracht. Das schockiert mich, weil ich Tiere sehr respektiere. Als ich klein waren, waren die Tiere noch draußen auf der Weide.

Für mich ist die Gier das größte Problem. Das Ziel dieses Bauerns ist es, Geld zu machen. So viel Profit wie möglich in so wenig Zeit wie möglich. Das Kalb wird nicht nach draußen gelassen, weil es Energie verbraucht. Es wird mit Körnern gefüttert, damit es gutes Fleisch produziert.

 

Das macht mich traurig.

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Gibt es jemanden auf der Welt, der etwas Gutes tut?

Ich bin mir sicher, dass es viele Menschen gibt, die Gutes tun, ohne dass man davon erfährt. Wir haben von Mutter Theresa gehört. Ich bin mir sicher, dass es viele Mutter Theresas überall auf der Welt gibt.

Zum Beispiel ein Ingenieur, der ein landwirtschaftliches Bewässerungssystem in Afrika gebaut hat. Ich glaube, dass es viele solcher Menschen geben muss, deren Namen wir zwar nicht kennen und von denen man nicht spricht, die aber viele gute Dinge tun. Ich kann dir niemand bestimmtes nennen. Mutter Theresa?

Ich muss zugeben, dass ich früher dachte, dass Menschen wie Che Guevara oder Gandhi viel Gutes getan hätten, aber nein. Ich habe viel darüber gelesen. Ich habe eine Biografie von Gandhi gelesen und war über vieles sehr schockiert. Er war nicht derjenige, als der er immer beschrieben wird. Das Gleiche gilt für Che Guevara, der Arzt war. Aber ein Arzt, der Menschen umbringt... das passt für mich nicht zusammen. Es gibt viele Leute, die bewundert werden, aber... Nelson Mandela zündete in seiner Jugend Bomben in Cafés. Er hat den Friedensnobelpreis erhalten, aber...

 

Gibt es ein Ereignis, das du gerne ruckgängig machen würdest?

 

Den Unfall meiner Mutter. Ja. Meine Mutter hatte mit 29 Jahren einen Unfall. Sie war noch sehr jung. Danach war sie für viele Dinge auf andere Menschen angewiesen. Das war wirklich schwer. Das würde ich also gerne ungeschehen machen.

 

Gibt es jemanden, dem du aktiv hilfst ?

 

Ich bin Mitglied des Vereins „Survival International“, der sich dem Schutz noch nicht kontaktierter Völker in verschiedenen Regionen der Welt verschrieben hat, in Afrika, Amazonien usw. Ich verschicke Briefe, sammle Unterschriften, verteile Informationen...Ich bin jetzt seit drei Jahren aktives Mitglied dieser Organisation, die ihren Sitz in London hat. Ich weiß nicht, ob es hilft, aber ich setze mich für den Erhalt des Lebensraums dieser Menschen ein. Damit ihr Lebensumfeld so erhalten bleibt, wie es ist. Das ist wieder einmal eine Frage der Gier und der Wirtschaft.

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Wenn du alles machen könntest, was du willst, wo wärest du später und mit wem?

Ich wäre morgen in Shanag, in einem kleinen Dorf im Himalaya und würde Tee mit meinen Freunden trinken.

Würdest du deine Familie mitnehmen?


Ja. Aber ich weiß nicht, wie lange ich dort bleiben würde.

 

Was willst du machen, wenn du einmal alt bist?

 

Ich werde mich um das Haus und meine Enkel kümmern. Und vielleicht werde ich mich weiterhin für diese Organisation engagieren. Ich werde die Arbeit von meinem Vater in seinem gemeinnützigen Verein übernehmen. Ich werde weiterhin aktiv sein. Ich hoffe, dass ich wie mein Großvater sein werde, der mit 94 starb und bis zuletzt selbstständig und gesund blieb. Ich möchte auf jeden Fall aktiv bleiben.

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Hast du eine Botschaft an die Leser dieses Interviews?

„You're the hero of your own story. So, write it well.“ Du bist der Held deiner eigenen Geschichte, also schreibe sie gut.

Was soll den Lesern von deinem Interview im Gedächtnis bleiben?

Ich würde sagen der Respekt vor der Natur, und der Respekt vor anderen Menschen im Allgemeinen. Der Respekt vor den Stämmen im tiefsten Afrika oder Amazonien, der Respekt vor ihrer Kultur. Das sind die zwei Dinge, von denen ich mir wünsche, dass man sie in Erinnerung behält.

Ich hätte gerne, dass die Leute sich mehr mit den Menschen befassen, die um sie herum sind. Denn es gibt das (Computer oder Smartphone) und manchmal finde ich meine beiden Jungs davor und sage ihnen, das wir uns lieber unterhalten sollten. Es ist eine wunderbare Sache, aber es verhindert die normale zwischenmenschliche Kommunikation und das finde ich manchmal wirklich beschämend.

Danke

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